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Huhn oder Ei im Online-Dating? Warum Experten falsch liegen

Ja, gut, wer zu blöd ist, um Zusammenhänge zu begreifen, der stellt sich vielleicht solche Fragen: „Wer war zuerst da, das Huhn oder das Ei?“ Oder eben: Wer war zuerst da, die App oder das Kennenlern-Desaster? (1)

Kann die App die Menschen verändern?

Mittlerweile soll die „App“ für so gut wie alles verantwortlich sein, was bei Singles „zwischenmenschlich“ schief läuft. Kürzlich berichtete eine Schweizer Zeitung von der „Zunahme von Geschlechtskrankheiten durch Apps“, dann wieder werden Apps verdächtigt, für die Zunahme von ONS verantwortlich zu sein, die nun ihrerseits als Quelle häufiger Infektionen angesehen werden. Und schließlich erfrechen sich neuerdings Journalistinnen, Journalisten und sogar Expertinnen und Experten, die fehlende Bindungsbereitschaft auf Apps zurückzuführen.

Journalistinnen und Journalisten versuchen sich als Sozial- und Zukunftsforscher, indem sie beispielsweise schreiben:

Viele wollen sich einfach nicht mehr festlegen“, erklärt die Paartherapeutin und Buchautorin Andrea Bräu. „Sich für etwas zu entscheiden, bedeutet auch immer, sich gegen ganz viele andere Optionen zu entscheiden.“ Genau die sind in Zeiten von Dating-Apps wie Bumble, Happn, Ok Cupid oder Tinder vermeintlich unendlich. So verlockend und praktisch das Swipen auch sein mag: Natürlich macht das auf Dauer was mit den Menschen und ihrem Beziehungsverhalten.

Daran stört vor allem, dass Frau Bräu nur eine Stimme unter vielen Paartherapeuten ist, die schon mal ein Buch geschrieben haben. Es geht ihr offenkundig um die Entscheidungsschwache, und nicht darum, dass die Apps die Verursacher sind. Das Falsche daran ist aber die Schlussfolgerung der Journalistin, die dazu noch einmal wiederholt werden soll:

Natürlich macht das auf Dauer was mit den Menschen und ihrem Beziehungsverhalten.

Da fragt sich doch: warum „natürlich“? Erstens ist eine App ein Werkzeug. Ein Hammer ist auch ein Werkzeug, aber es ist nicht natürlich, ihn dazu zu nutzen, sich auf die Daumen zu schlagen. Und zweitens ist es der Mensch, der entscheidet, wen er trifft und warum er ihn trifft. Und drittens, mit Verlaub: Wie viele Menschen haben Sie schon durch Apps kennengelernt, die eine ernsthafte Beziehung suchen? Wahrscheinlich wenige.

Im gleichen Artikel wird, diesmal von Frau Deißler, gar das „Zeitalter der Unverbindlichkeit“ heraufbeschworen – auch so eine Aussage, die nicht standhält. Es ist kein Zeitalter, über das sie spricht, sondern bestenfalls eine Tendenz, die sie beobachtet hat. Und sie trifft nicht immer und überall zu. Mag auch ihre Kernaussage für urbane Singlebeziehungen gelten, so ist sie dennoch eine Facette im sozialen Gefüge:

Keiner will dem anderen zu nahe treten, weil man ihn oder sie nicht einengen oder gar verscheuchen will.

Das Märchen von der „unendlichen Auswahl“

Interessant ist, dass die meisten Aussagen über die „unendliche Auswahl“ frei erfunden sind. Wenn überhaupt, dann haben nur diese Gruppen die „freie Auswahl“ auf dem Jahrmarkt der Dating-Branche

– Frauen bestimmter Altersgruppen, in jedem Fall unter 35.
– Männer mit Geld und Einfluss, oder solche, die über 50 sind.
– Großstädter(innen).
– Menschen, die ihren Radius beliebig erweitern können und wollen.
– Personen, die auch andere Sprachräume und Kulturen akzeptieren würden.

Alle anderen unterliegen Einschränkungen – meist räumlicher, sozialer und altersbedingter Art.

Ist die App nun an allem schuld?

Was wir wissen, ist dies: In Zeiten der Not und anderer schwieriger Lebensbedingungen rücken Menschen zusammen, um die verbliebenen Ressourcen zu teilen. Hingegen gehen sie in Zeiten des Überflusses möglichst lange eigene Wege oder suchen sich Nischen, in die sie aus Beziehungen fliehen können.

Die App hat damit zunächst einmal gar nichts zu tun. Sie ist einfach da – und wer sie einsetzt, kann an Erfolg oder Misserfolg messen, wie gut die Partnersuche per App zu ihm passt. Da die Misserfolge im Sinne von „Beziehungen“ nach Auskunft vieler Benutzer überwiegen, werden Apps eine Weile erprobt und dann aufgegeben.

Und was die Menschen betrifft: Die Menschen sind so, wie sie sind – es gibt keine anderen. Freilich sind alle ganz schön blöd, die sich nicht entscheiden können und hinter dem nächsten „Wisch“ die interessantere Person vermuten. Es ist ein Versuch-und-Irrtum-Spiel. Je mehr Irrtümer jemand erlebt, umso schneller wird er/sie es vermutlich aufgegeben. Bevor er geschlechtskrank, selbstunsicher oder meschugge wird. Ob allen anderen noch zu helfen ist? Ich habe nicht vor, die Menschheit zu retten.

(1) Es ist keine Frage, dass ein kybernetischer Zusammenhang (Rückkoppelung) zwischen den geschilderten Phänomenen besteht. Hier wird nur die Frage gestellt, ob die „App“ für gesellschaftliche Phänomene „verantwortlich“ ist.
(2) Alle Zitate aus einem ZEIT-Artikel von Jessica Wagener, erscheinen in ze.tt.

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